[W., Gesicht im Halbschatten]
Wagner 1850

Richard Wagner:
Die Revolution

Gedruckt in Volksblätter Nr. 14, Dresden, am Sonntag, dem 8. April, 1849.

Der deutsche Originaltext und eine Einleitung von Kristian Evensen (übersetzt von Dirk Meyer).

Vorwort

In diesem Text wurden die folgenden Konventionen benutzt:
[G1] - Verweis auf eine Stelle im deutschen Originaltext.
[I1] - Verweis zur Diskussion in der Einleitung.
[N1] - Verweis zu einer Anmerkung.

Wagner, Röckel und die "Volksblätter"

Die politische Zeitschrift "Volksblätter" wurde von Wagners Freund August Röckel (1814-1876) gegründet und herausgegeben. Röckel war ein Dirigent und ein vollendeter Allround-Musiker, er war Musikdirektor am Dresdner Hoftheater von 1843 bis zum 5. Oktober 1848, als er wegen seiner revolutionären Aktivitäten entlassen wurde. Röckel wurde in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai 1849 in Verbindung mit dem Aufstand in Dresden festgenommen. Er war einer der Führer der Revolution gewesen und wurde zum Tode verurteilt, aber dieses Urteil wurde später in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. Von dieser Strafe mußte er 13 Jahre im Gefängnis abbüßen, er wurde im Januar 1862 entlassen. (Einige Details über Wagners Teilnahme an diesem Aufstand sind in der Einführung in "Richard Wagner: Der Nibelungen-Mythos" (engl.) zu finden.)

Die "Volksblätter" hatten nur ein kurzes Leben. Die erste Ausgabe wurde am 26. August 1848 veröffentlicht, die letzte Nummer, Nr. 15, kam am 29. April 1849 heraus. Von verschiedenen demokratischen Zeitschriften in Dresden zu dieser Zeit waren die Volksblätter gemäß Ernest Newman "die freimütigsten und tatkräftigsten von allen, und die am eifrigsten gelesenen", sie hatten eine Auflage von mehr als 2000. (Siehe Newman 76, Teil 2, Seite 5). Üblicherweise waren die meisten Artikel der Volksblätter anonym, aber es wird auf der Basis von stilistischen Zügen vermutet, daß einige davon von Richard Wagner geschrieben wurden. Darunter ist der berühmte Artikel "Die Revolution". Mindestens ein anderer Artikel aus dieser Zeitschrift wird Richard Wagner zugeschrieben, "Deutschland und seine Fürsten" nämlich, veröffentlicht am 15. Oktober 1848. Es ist auch wahrscheinlich, daß Wagner der Autor des Artikels "Der Mensch und die bestehende Gesellschaft" ist, der am 10. Februar 1849 erschien. Wagners Anteil an den Volksblättern umfaßte sogar herausgeberische Arbeiten. In Abwesenheit von Röckel, der zu dieser Zeit in Prag weilte, besorgte Wagner die Publikation, oder zumindest den Druck der letzten Nummer der Zeitschrift vom 29. April 1849. Nur wenige Tage später, am 9. Mai, mußte Wagner aus Dresden fliehen, um zu verhindern, daß er verhaftet würde. [N1]

"Die Revolution" und "Der Ring des Nibelungen"

Es gibt nicht nur offensichtliche Ähnlichkeiten in der Formulierung, im Inhalt und im Kontext zwischen Wagners politischen Schriften von 1848 und 1849 und Teilen des Textes für "Der Ring des Nibelungen" - der zur Diskussion stehende Artikel, "Die Revolution" (vom April 1849), wurde weniger als ein Jahr nach dem ersten Prosaentwurf für "Ring des Nibelungen, der Nibelungen-Mythus" (engl.) (Sommer 1848) geschrieben, und nur fünf Monate nach dem ersten Entwurf der Dichtung für das Stück, das später "Götterdämmerung, Siegfrieds Tod" werden sollte (November 1848). In der Zeit, die direkt anschloß, während Wagners Exil in Zürich, dichtete er die Texte für die anderen drei Teile der Tetralogie und überarbeitete den Text für "Siegfrieds Tod" wesentlich. Diese Zeitspanne erstreckte sich bis Dezember 1852, bis die Ringdichtung im Wesentlichen abgeschlossen war. Es scheint daher vernünftig zu sein, die Dichtung des Rings im Zusammenhang mit den politischen Texten von Wagners Hand aus der selben Zeit zu lesen, und zu erwarten, daß die politischen Texte die beabsichtigte Aussage des Rings erhellen werden.

Sowohl durch die Rezeptionsgeschichte als auch durch die Geschichte der Interpretation von Wagner ist bekannt, daß es durchaus eine Tradition für antikapitalistische oder sogenannte "marxistische" Rezeptionen und Interpretationen gibt. Es genügt, George Bernard Shaw ("The Perfect Wagnerite: A Commentary to the Niblung´s Ring, Shaw 67), Joachim Herz / Rudolf Heinrich (Leipziger Aufführung 1973) und Patrice Chéreau / Richard Peduzzi (Bayreuther Aufführung 1976) zu erwähnen. Diese Tradition basiert sicherlich auf gründlicher Lektüre von Wagners Arbeiten, speziell des Rings. Trotzdem ist es interessant, etwas näher zu untersuchen, bis zu welchem Grade und auf welche Weise "revolutionäre" und "antikapitalistische" oder gegen das Establishment gerichtete Züge im Ring vorhanden sein könnten. Die Sicht dieses Autors ist es, daß es bei einer solchen Untersuchung immens helfen könnte, Wagners politische Schriften mit den Texten des Rings aus der gleichen Zeit zu vergleichen. Dieser Versuch ist hier eingegrenzt auf einen Vergleich bestimmter Passagen aus "Die Revolution" mit verschiedenen Themen und Stellen des Rings.

Das humanistische Ideal der Freiheit des Individuums, und spezieller, der Freiheit, seine eigenen Handlungen und sein eigenes Ziel zu bestimmen, sind von zentraler Bedeutung, sowohl im Ring, als auch in "Die Revolution". Ein Vergleich der "Revolution" mit einigen Abschnitten aus der "Walküre", aus "Siegfried" und der "Götterdämmerung" könnte die Ähnlichkeiten der Herangehensweisen zeigen.

Vergleichen Sie den Satz:

[G1] "Der eigne Wille sei der Herr des Menschen, die eigne Lust sein einzig Gesetz, die eigne Kraft sein ganzes Eigenthum, denn das Heilige ist allein der freie Mensch, und nichts Höheres ist denn Er."

mit dem folgenden Abschnitt aus "Die Walküre", 2. Akt, 2. Szene, Wotans Dialog mit Brünnhilde:

Wotan:
"Nur Einer könnte
was ich nicht darf:
ein Held, dem helfend
nie ich mich neigte;
der fremd dem Gotte,
frei seiner Gunst,
unbewußt,
ohne Geheiß,
aus eig'ner Noth
mit der eig'nen Wehr
schüfe die That,
die ich scheuen muß,
die nie mein Rath ihm rieth,
wünscht sie auch einzig mein Wunsch."

Die Worte "eigner Wille", "eigne Lust" aus "Die Revolution" scheinen in der Walküre der "eig'nen Noth" und der "eig'nen Wehr" zu entsprechen. "Nur Einer könnte / was ich nicht darf: / Ein Held ..." - Wotan redet hier von seinen Hoffnungen, die er in Siegmund setzt, Hoffnungen, die auf eine gewisse Weise erst von Siegfried erfüllt werden, wenn auch mit unvorhersehbaren Konsequenzen. Sowohl Siegmund als auch Siegfried können als der Mensch gesehen werden, der in der Formulierung "das Heilige ist allein der freie Mensch, und nichts Höheres ist denn Er." beschrieben wird.

Vergleichen Sie auch die vorangegangenen Abschnitte mit den folgenden Passagen aus der Götterdämmerung, dem Prolog, dem Gespräch zwischen den drei Nornen:

Zweite Norne:
"Treu berath'ner
Verträge Runen
schnitt Wotan
in des Speeres Schaft:
den hielt er als Halt der Welt.
Ein kühner Held
zerhieb im Kampfe den Speer;
in Trümmer sprang
der Verträge heiliger Haft."

Wotans Speer ist durch die Kraft der Runen, die in ihn geritzt sind, sein Mittel der Macht. Siegfried ist der Held, der den Speer in Siegfried, 3. Akt, 2. Szene zerbrochen hat. Unter Wotans letzten Worten, bevor Siegrfied den Speer in zwei Teile zerschlägt, sind hier: "Noch hält meine Hand / der Herrschaft Haft". Es kann keinen Zweifel daran geben, daß Wotans Speer das Symbol der Macht ist, und daß der freie Held, oder, wie man auch sagen könnte, der freie Mensch - Siegfried - derjenige ist, der diese Macht zerschlägt. Siegfried muß man in diesem Zusammenhang als einen Revolutionär ansehen, in dieser Szene handelte er im Namen der Revolution selbst, wie Wagner an folgender Stelle im Artikel in den Volksblättern formulierte:

[G2] "Ich will zerstören jeden Wahn, der Gewalt hat über den Menschen. Ich will zerstören die Herrschaft des Einen über die Andern, der Todten über die Lebendigen, des Stoffes über den Geist; ich will zerbrechen die Gewalt der Mächtigen, des Gesetzes und des Eigenthums."

Wie Siegfried als der freie Mensch gesehen werden könnte, der im Namen der Revolution handelt, so kann Brünnhilde als Personifikation der Revolution selbst gesehen werden. Es ist von größter Bedeutung, daß Brünnhilde einerseits die Tochter von Wotan, dem Gott der Macht und des Krieges ist, andererseits auch die Tochter von Erda, der Göttin der Erde, der Natur und der Weisheit. Die kombinierten Eigenschaften von Vater und Mutter kan man leicht auffassen als die Tugenden der Revolution, wie sie idealisiert wurden von Wagner und vielen seiner Zeitgenossen. Man kann nicht beweisen, daß Wagner dies im Sinn hatte, aber vergleichen Sie einmal den folgenden Abschnitt aus der "Revolution":

[G3] "... die erhabene Göttin Revolution, sie kommt daher gebraust auf den Flügeln der Stürme, das hehre Haupt von Blitzen umstrahlt, das Schwert in der Rechten, die Fackel in der Linken, das Auge so finster, so strafend, so kalt, und doch, welche Glut der reinsten Liebe, welche Fülle des Glückes strahlt Dem daraus entgegen, der es wagt mit festem Blicke hinein zu schauen in dies dunkle Auge! [...] Doch hinter ihr, da eröffnet sich uns, von lieblichen Sonnenstrahlen erhellt, ein nie geahntes Paradies des Glückes, und wo ihr Fuß vernichtend geweilt, da entsprossen duftende Blumen dem Boden und frohlockende Jubelgesänge der befreiten Menschheit erfüllen die noch vom Kampfgetöse erregten Lüfte!"

mit den folgenden Abschnitten aus "Die Walküre", 2. Akt, 4. Szene, in der Brünnhilde Siegmund aufsucht, um ihm den Tod zu verkünden:

Siegmund:
"Wer bist du, sag',
die so schön und ernst mir erscheint?
[...]
Hehr bist du,
und heilig gewahr' ich
das Wotanskind
[...]
So jung und schön
erschimmerst du mir:
doch wie kalt und hart
erkennt dich mein Herz!-"

Natürlich wird hierbei Brünnhilde durch die unglücklichen Augen Siegmunds, der verurteilt ist, gesehen - obwohl Brünnhilde ihre Absichten ändert, und versucht, ihn zu erretten. Vergleichen Sie auch die folgenden Zitate vom Ende des Siegfried, 3. Akt, 3. Szene. Es ist der Moment, an dem Brünnhilde von den Göttern ausgeschlossen ist, selbst nicht länger Gott, sondern eine menschliche Frau ist,  die gerade aus ihrem langen Schlaf erweckt wurde von - wem sonst? - Siegfried, dem freien Menschen.

Brünnhilde:
"Siegfried! Siegfried!
Sieh'st du mich nicht!
Wie mein Blick dich verzehrt,
erblindest du nicht?
Wie mein Arm dich preßt,
entbrenn'st du mir nicht?
Wie in Strömen mein Blut
entgegen dir stürmt,
das wilde Feuer,
fühl'st du es nicht?
Fürchtest du, Siegfried,
fürchtest du nicht
das wild wüthende Weib?"

Dies ist anscheinend, oberflächlich betrachtet, eine poetische Beschreibung der sexuellen Leidenschaft einer Frau. Aber sinnbildlich kann man diese Zeilen sehen als eine Beschreibung der Revolution, der sich der freie Mensch gerade anschließt. Die nächsten Zeilen von Brünnhilde und Siegfried scheinen diese Ansicht weiter zu unterstützen; sie sind die letzten und schlüssigsten Zeilen in Siegfried:

Brünnhilde:

"Fahr' hin, Walhall's
leuchtende Welt!
Zerfall' in Staub
deine stolze Burg!
Leb' wohl, prangende
Götter-Pracht!
End' in Wonne,
du ewig Geschlecht!
Zerreißt, ihr Nornen,
das Runenseil!
Götter-Dämm'rung,
dunk'le herauf!
Nacht der Vernichtung,
neb'le herein! - 
Mir strahlt zur Stunde
Siegfried's Stern:
er ist mir ewig,
ist mir immer,
Erb' und Eigen,
ein' und all':
leuchtende Liebe,
lachender Tod!"

Siegfried:

"Lachend erwach'st
du wonnige mir:
Brünnhilde lebt!
Brünnhilde lacht! - 
Heil dem Tage,
der uns umleuchtet!
Heil der Sonne,
die uns bescheint!
Heil dem Licht,
das der Nacht enttaucht!
Heil der Welt,
der Brünnhilde lebt!
Sie wacht! sie lebt!
Sie lacht mir entgegen!
Prangend strahlt
mir Brünnhilde's Stern!
Sie ist mir Weib,
ist mir immer,
Erb' und Eigen,
ein' und all':
leuchtende Liebe,
lachender Tod!"

Wotans Speer ist sein Mittel und Symbol der Macht, und Walhall ist die Festung, die diese Macht schützt. Walhall wurde gebaut aufgrund trügerischen Mißbrauchs der Verträge, die als Runen in den Schaft des Speeres geritzt sind, um die Götter gegen die umgebende Welt zu schützen. Unter den allerersten Worten Wotans in "Das Rheingold", Szene 2, sind die folgenden:

Wotan:
"Der Wonne seligen Saal
bewachen mir Thür und Thor:
Mannes Ehre,
ewige Macht,
ragen zu endlosem Ruhm!
[...]
Vollendet das ewige Werk:
auf Berges Gipfel
die Götter-Burg,
prächtig prahlt
der prangende Bau!
Wie im Traum ich ihn trug,
wie mein Wille ihn wies,
stark und schön
steht er zur Schau;
hehrer, herrlicher Bau!
[...]
die dort die Burg mir gebaut;
durch Vertrag zähmt' ich
ihr trotzig Gezücht [...]"

Als Brünnhilde und Siegfried in ihrem Schlußduett feststellen, daß ihre Liebe Walhall und die Götter stürzen wird, klingt das mehr als ein wenig wie Selbstüberschätzung. Aber vielleicht auch nicht, wenn wir diesen Text nochmals im übertragenen Sinne lesen und Brünnhilde als Metapher für die Revolution und Siegfried als Sinnbild für den (die) freien Menschen ansehen, der (die) sich den Anfängen der Revolution anschließ[t/en]. In diesem Fall machen die abschließen Worte des Siegfried absolut Sinn.

Richard Wagner: Die Revolution.
(In 14. - Volksblätter, von A. Röckel. - Dresden, Sonntag den 8. April 1849.)

             Sehen wir hinaus über die Länder und Völker, so erkennen wir überall durch ganz Europa das Gähren einer gewaltigen Bewegung, deren erste Schwingungen uns bereits erfaßt haben, deren volle Wucht bald über uns hereinzubrechen droht. Wie ein ungeheurer Vulkan erscheint uns Europa, aus dessen Innerem ein beständig wachsendes, beängstigendes Gebrause ertönt, aus dessen Krater dunkle, gewitterschwangere Rauchsäulen hoch zum Himmel empor steigen und, Alles rings mit Nacht bedeckend, sich über die Erde lagern, während bereits einzelne Lavaströme, die harte Kruste durchbrechend, als feurige Vorboten, Alles zerstörend sich ins Thal hinabwälzen. 

             Eine übernatürliche Kraft scheint unsern Welttheil erfassen, aus dem alten Gleise herausheben und in eine neue Bahn schleudern zu wollen. Ja, wir erkennen es, die alte Welt, sie geht in Trümmer, eine neue wird aus ihr erstehen, denn [I3]die erhabene Göttin Revolution, sie kommt daher gebraust auf den Flügeln der Stürme, das hehre Haupt von Blitzen umstrahlt, das Schwert in der Rechten, die Fackel in der Linken, das Auge so finster, so strafend, so kalt, und doch, welche Glut der reinsten Liebe, welche Fülle des Glückes strahlt Dem daraus entgegen, der es wagt mit festem Blicke hinein zu schauen in dies dunkle Auge! Sie kommt daher gebraust, die ewig verjüngende Mutter der Menschheit, vernichtend und beseeligend fährt sie dahin über die Erde, und vor ihr her saust der Sturm und rüttelt so gewaltig an allem von Menschen Gefügten, daß mächtige Wolken des Staubes verfinsternd die Lüfte erfüllen, und wohin ihr mächtiger Fuß tritt, da stürzt in Trümmer das in eitlem Wahne für Jahrtausende Erbaute, und der Saum ihres Gewandes streift die letzten Überreste hinweg! Doch hinter ihr, da eröffnet sich uns, von lieblichen Sonnenstrahlen erhellt, ein nie geahntes Paradies des Glückes, und wo ihr Fuß vernichtend geweilt, da entsprossen duftende Blumen dem Boden und frohlockende Jubelgesänge der befreiten Menschheit erfüllen die noch vom Kampfgetöse erregten Lüfte! 

             Nun blickt hier unten um Euch her. Da seht Ihr den Einen, den mächtigen Fürsten, wie er mit ängstlich klopfendem Herzen, mit stockendem Athem dennoch eine ruhige, kalte Miene zu erheucheln und sich selbst und Andern wegzuleugnen sucht, was er doch klar erkennt als unabwendbar. Da seht Ihr den Andern, mit dem von allen Lastern durchfurchten ledernen Antlitz, wie er mit emsiger Thätigkeit all seine kleinen Gaunerkünste, die ihm so manches Titelchen, so manches Ordenskreuzlein eingebracht, auskramt und spielen läßt, wie er mit diplomatisch-lächelnder, geheimnißvoller Miene den ängstlich zum Riechfläschchen greifenden Dämchen und zähneklappernden Junkerchen Beruhigung einzuflößen sucht durch die halboffizielle Mittheilung: daß höchstgestellte Personen dieser fremdartigen Erscheinung Couriere mit Cabinetsbefehlen nach verschiedenen Seiten abgegangen, daß selbst das Gutachten des weisen Regierungskünstlers Metternich von London unterwegs sei, daß die betreffenden Behörden rings umher Instruktionen erhalten haben, und somit der hochgebornen Gesellschaft die interessante Überraschung vorbereitet wird, beim nächsten Hofballe diese gefürchtete Landstreicherin, Revolution, - natürlich im eisernen Käfig mit Ketten beladen, - in genauen Augenschein nehmen zu können. - Dort seht ihr den Dritten, wie er spekulierend das Nahen der Erscheinung beobachtet, auf die Böse läuft, bemißt und berechnet das Steigen und Fallen der Papierchen, und schachert und feilscht, und immer noch ein Procentchen zu erhalten strebt, bis mit Einemmale sein ganzer Plunder in die Lüfte zerstäubt. Da seht ihr hinter dem verstaubten Aktentische eins der eingetrockneten, verrosteten Räder unserer jetzigen Staatsmaschine kauern, wie es seine alte, abgestumpfte Feder über das Papier kratzen läßt, und fort und fort den alten Haufen der papierenen Weltordnung zu vermehren strebt. Wie getrocknete Pflantzen liegen zwischen diesen Stößen von Dokumenten und Verträgen die Herzen der lebendigen Menschheit und verdorren zu Staub in diesen modernen Folterkammern. Dort herrscht gewaltige Emsigkeit, denn das über die Länder gesponnene Netz ist an manchen Stellen zerrissen, und die überraschten Kreuzspinnen, sie drehen und weben neue Fäden durcheinander, um das Gelockerte wieder zu festigen. Dort dringt kein Strahl des Lichtes hinein, dort herrscht ewige Nacht und Finsterniß, und in Nacht und Finsterniß wird das Ganze spurlos versinken. - Von jener Seite aber, da klingt helle kriegerische Musik, es blitzen Schwerter und Bajonette, schwere Kanonen rasseln herbei und dichtgedrängt wälzen sich die langen Reihen der Heere heran. Die tapfere Heldenschaar, sie ist ausgezogen, den Strauß zu bestehen mit der Revolution. Der Feldherr läßt marschiren rechts und links, und stellt dahin die Jäger, dorthin die Reiterei, und vertheilt nach weisem Plane die langen Heeressäulen und die zerschmetternde Artillerie; und die Revolution, das Haupt hoch in den Wolken, kommt herangeschritten, - und sie sehen sie nicht und warten auf den Feind; und sie steht schon in ihrer Mitte, - und sie sehen sie nicht, und warten auf den Feind; und sie hat sie erfaßt mit ihrem gewaltigen Sturmwirbel und aufgelöst die Reihen und zerstäubt die künstlich erstohlene Kraft, - und der Feldherr, er sitzt da, auf die Landkarte schauend und berechnend, von welcher Seite der Feind wohl zu erwarten und wie stark er sei, und wann er kommen werde! - Dort aber seht Ihr ein ängstlich bekümmertes Gesicht: ein ehrlicher, fleißiger Bürger ist's. Er hat gestrebt und gewirkt sein Lebelang, er hat redlich gesorgt für das Wohl Aller, so weit seine Kraft reichte; keine Thräne, kein Unrecht haftet an dem Scherflein, welches seine nützliche Thätigkeit erworben, ihm zum Unterhalt im schwachen Alter, den Seinen zum Eintritt in das freundlose Leben. Wohl fühlte er das Nahen des Sturmes, wohl erkennt er, daß keine Kraft ihm zu wehren vermag, doch jammert sein Herz, blickt er zurück auf sein kummervolles Dasein, dessen einzige Frucht nun der Vernichtung geweiht ist. Nicht verdammen dürfen wir ihn, klammert er sich ängstlich an seinen Schatz, sträubt er im blinden Eifer sich mit allen Kräften erfolglos gegen das Hereinbrechende. Du Unglücklicher! erhebe das Auge, blicke auf dorthin, wo auf den Hügeln Tausende und Tausende versammelt, die voll freudiger Spannung der neuen Sonne entgegenharren! Betrachte sie, es sind deine Brüder, deine Schwestern, es sind die Schaaren jener Armen, jener Elenden, die bisher vom Leben nichts gekannt als das Leiden, die Fremdlinge waren auf dieser Erde der Freude; sie Alle erwarten die Revolution, die dich ängstigt, als ihre Erlöserin aus dieser Welt des Jammers, als die Schöpferin einer neuen, für Alle beglückende Welt! Sieh hin, dort strömen Schaaren heraus aus den Fabriken; sie haben geschafft und erzeugt die herrlichsten Stoffe, - sie selbst und ihre Kinder sind nackt, sie frieren und hungern, denn nicht ihnen gehört die Frucht ihrer Arbeit, dem Reichen und Mächtigen gehört sie, der die Menschen und die Erde sein eigen nennt. Sieh, dort ziehen sie heran, von den Dörfern und Gehöften; sie haben die Erde bebaut, und zum freundlichen Garten umgeschaffen, und Fülle der Früchte, genügend für Alle, die da leben, lohnte ihr Mühen, - doch sind sie arm und nackt und hungern, denn nicht ihnen und den Andern, die da bedürftig sind, gehört der Segen der Erde, allein dem Reichen und Mächtigen gehört er, der die Menschen und die Erde sein eigen nennt. Sie Alle, die Hunderttausende, die Millionen, sid lagern auf den Höhen und blicken hinaus in die Ferne, wo die wachsende Wolke das Nahen der befreiende Revolution verkündet, und sie Alle, denen Nichts zu bedauern bleibt, denen man selbst die Söhne raubt, um sie zu tapfern Kerkermeistern ihrer Väter zu erziehen, deren Töchter mit Schande beladen die Straßen der Städte durchwandeln, ein Opfer der niedrigen Lüste des Reichen und Mächtigen, sie Alle mit den bleichen, gramdurchfurchten Gesichtern, den von Hunger und Frost verzehrten Gliedern, sie Alle, die nie die Freude kannten, sie lagern dort auf den Höhen, und bebend vor wonnevoller Erwartung schauen sie mit angestrengtem Blicke der nahenden Erscheinung entgegen, und lauschen in lautloser Entzückung dem Brausen des anschwellenden Sturmes, der ihrem Ohre entgegenträgt den Gruß der Revolution: [N2]

             «Ich bin das ewig verjüngende, das ewig schaffende Leben! wo ich nicht bin, da ist der Tod! Ich bin der Traum, der Trost, die Hoffnung des Leidenden! Ich vernichte was besteht, und wohin ich wandle, da entquillt neues Leben den todten Gestein. Ich komme zu Euch, um zu zerbrechen alle Ketten, die Euch bedrücken, um Euch zu erlösen aus der Umarmung des Todes, und ein junges Leben durch euere Glieder zu ergießen. Alles, was besteht, muß untergehen, [N3] das ist das ewige Gesetz der Natur, das ist die Bedingung des Lebens, und ich, die ewig Zerstörende, vollführe das Gesetz, und schaffe das ewig junge Leben. Ich will zerstören von Grund aus die Ordnung der Dinge, in der Ihr lebt, denn sie ist entsproßen der Sünde, ihre Blüthe ist das Elend und ihre Frucht das Verbrechen; die Saat aber ist gereift und der Schnitter bin ich. [I2] Ich will zerstören jeden Wahn, der Gewalt hat über den Menschen. Ich will zerstören die Herrschaft des Einen über die Andern, der Todten über die Lebendigen, des Stoffes über den Geist; ich will zerbrechen die Gewalt der Mächtigen, des Gesetzes und des Eigenthums. [I1] Der eigne Wille sei der Herr des Menschen, die eigne Lust sein einzig Gesetz, die eigne Kraft sein ganzes Eigenthum, denn das Heilige ist allein der freie Mensch, und nichts Höheres ist denn Er. Vernichtet sei der Wahn, der Einem Gewalt giebt über Millionen, der Millionen unterthan macht dem Willen eines Einzigen, der Wahn, der da lehrt: der Eine habe die Kraft die Andern alle zu beglücken. Das Gleiche darf nicht herrschen über das Gleiche, das Gleiche hat nicht höhere Kraft denn das Gleiche, und da Ihr Alle gleich, so will ich zerstören jegliche Herrschaft des Einen über den Andern.

             Vernichtet sei der Wahn, der dem Tode Gewalt giebt über das Leben, der Vergangenheit über die Zukunft. Das Gesetz der Todten, das ist ihr eigen Gesetz, es theilt ihr Loos und stirbt mit ihnen, es darf nicht herrschen über das Leben. Das Leben ist sich selbst sein Gesetz. Und weil das Gesetz für die Lebendigen ist und nicht für die Todten, und weil Ihr lebendig seid und Keiner ist, der über Euch wäre, so seid Ihr selbst das Gesetz, so ist Euer eigner freier Wille das einzige höchste Gesetz, und ich will zerstören die Herrschaft des Todes über das Leben.

             Vernichtet sei der Wahn, der den Menschen unterthan macht seinem eignen Werke, dem Eigenthume. Das höchste Gut des Menschen ist seine schaffende Kraft, das ist der Quell, dem ewig alles Glück entspringt, und nicht im Erzeugten, im Erzeugen selbst, im Bethätigen eurer Kraft liegt euer wahrer höchster Genuß. Des Menschen Werk, es ist leblos, das Lebendige darf sich nicht dem Leblosen verbinden, darf sich nicht ihm unterthan machen. Darum sei vernichtet der Wahn, der den Genuß beschränkt, die freie Kraft hemmt, der das Eigenthum schafft außer dem Menschen und ihn zum Knechte macht seines eignen Werkes.

             Blickt hin, ihr Unglücklichen, auf jene gesegneten Fluren, die Ihr jetzt als Knechte, als Fremdlinge durchstreift. Frei sollt Ihr auf ihnen wandeln, frei vom Joche der Lebendigen, frei von den Fesseln der Todten. Was die Natur geschaffen, die Menschen bebaut und zu fruchttragenden Gärten umgewandelt, es gehört den Menschen, den Bedürftigen, und Keiner darf kommen und sagen: "Mir allein gehört dies Alles, und ihr Andern Alle seid nur Gäste, die ich dulde, so lange es mir gefällt und sie mir zinsen, und die ich verjage, sobald mich die Lust treibt. Mir gehört, was die Natur geschaffen, der Mensch gewirkt und der Lebendige bedarf." Vernichtet sei diese Lüge, nur dem Bedürfnisse allein gehört, was es befriedigt, und im Überfluß bietet solches die Natur und Euere eigne Kraft. Seht dort die Häuser in den Städten, und Alles was den Menschen vergnügt und erfreut, woran Ihr als Fremdlinge vorüberwandeln müßt; des Menschen Geist und Kraft hat es geschaffen, und darum gehört es den Menschen, den Lebendigen, und nicht Einer darf da kommen und sagen: "Mir gehört Alles, was die Menschen geschaffen mit ihrem Fleiße. Ich allein habe ein Recht darauf und die Andern genießen nur, so weit es mir beliebt und sie mir zinsen." Zerstört sei diese Lüge mit den andern; denn was der Menschheit Kraft geschaffen, das gehört der Menschheit zum freien unbeschränkten Genusse, wie alles Andere auch was da ist auf Erden.

             Zerstören will ich die bestehende Ordnung der Dinge, welche die einige Menschheit in feindliche Völker, in Mächtige und Schwache, in Berechtigte und Rechtlose, in Reiche und Arme theilt, denn sie macht aus Allen nur Unglückliche. Zerstören will ich die Ordnung der Dinge, die Millionen zu Sclaven von Wenigen, und diese Wenigen zu Sclaven ihrer eignen Macht, ihres eignen Reichthumes macht. Zerstören will ich diese Ordnung der Dinge, die den Genuß trennt von der Arbeit, die aus der Arbeit eine Last, aus dem Genusse ein Laster macht, die einen Menschen elend macht durch den Mangel, und den andern durch den Überfluß. Zerstören will ich diese Ordnung der Dinge, welche die Kräfte der Menschen verzehrt im Dienste der Herrschaft der Todten, des leblosen Stoffes, welche die Hälfte der Menschen in Thatlosigkeit oder nutzloser Thätigkeit erhält, die Hunderttausende zwingt, ihre kräftige Jugend in geschäftigem Müssiggange als Soldaten, Beamte, Spekulanten und Geldfabrikanten der Erhaltung dieser verworfenen Zustände zu weihen, während die andere Hälfte durch übermäßige Anstrengung ihrer Kräfte und Aufopferung jedes Lebensgenusses das ganze Schandgebäude erhalten muß. Zerstören bis auf die Erinnerung daran will ich jede Spur dieser wahnwitzigen Ordnung der Dinge, die zusammengefügt ist aus Gewalt, Lüge, Sorge, Heuchelei, Noth, Jammer, Leiden, Thränen, Betrug und Verbrechen, und der nur selten zuweilen ein Strom unreiner Lust, fast nie aber ein Strahl reiner Freude entquillt. Zerstört sei Alles, was Euch bedrückt und leiden macht, und aus den Trümmern dieser alten Welt erstehe eine neue, voll nie geahnten Glückes. Nicht Haß, nicht Neid, nicht Mißgunst und Feindschaft sei fortan unter Euch, als Brüder sollt Ihr Alle, die Ihr da lebt, Euch erkennen, und frei, frei im Wollen, frei im Thun, frei im Genießen, sollt Ihr den Werth des Lebens erkennen. Darum auf, ihr Völker der Erde! auf, ihr Klagenden, ihr Gedrückten, ihr Armen! auf, auch Ihr Andern, die Ihr mit eitlem Glanze der Macht und des Reichthumes vergeblich die innere Trostlosigkeit Eures Herzens zu umkleiden strebt! auf! folgt in buntem Gemische meiner Spur, denn keinen Unterschied weiß ich zu machen unter denen, so mir folgen. Nur zwei Völker noch giebt es von jetzt an: Das Eine, welches mir folgt, das Andere, welches mir widerstrebt. Das Eine führe ich zum Glücke, über das Andere schreite ich zermalmend hinweg, denn ich bin die Revolution, ich bin das ewig schaffende Leben, ich bin der einige Gott, den alle Wesen erkennen, der Alles, was ist, umfaßt, belebt und beglückt!» [N4]

             Und seht, die Schaaren auf den Hügeln, sie liegen lautlos auf den Knieen, sie lauschen in stummer Verzückung, und wie der sonnverbrannte Boden die kühlenden Tropfen des Regens, so saugt ihr vom heißen Jammer verdorrtes Herz die Laute des brausenden Sturmes ein, und neues Leben quillt durch ihre Adern. Näher und näher wälzt sich der Sturm, auf seinen Flügeln die Revolution; weit öffnen sich die wiedererweckten Herzen der zum Leben Erwachten, und siegreich zieht ein die Revolution in ihr Gehirn, in ihr Gebein, in ihr Fleisch, und erfüllt sie ganz und gar. In göttlicher Verzückung springen sie auf von der Erde, nicht die Armen, die Hungernden, die vom Elende Gebeugten sind sie mehr, stolz erhebt sich ihre Gestalt, Begeisterung strahlt von ihrem vereitelten Antlitz, ein leuchtender Glanz entströmt ihrem Auge und mit dem himmelerschütternden Rufe: ich bin ein Mensch! stürzen sich die Millionen, die lebendige Revolution, der Mensch gewordene Gott, hinab in die Thäler und Ebenen, und verkünden der ganzen Welt das neue Evangelium des Glückes!

Anmerkungen:

[1] Wie knapp Wagner der Verhaftung entging, wird verdeutlicht durch die Tatsache, daß Wagner zusammen mit dem russischen Anarchisten Mikhail Bakunin und anderen floh. Als sie in Chemnitz ankamen, fuhren sie in verschiedenen Kutschen und kehrten in verschiedenen Herbergen ein. Bakunin und zwei von Wagners anderen Freunden wurden im Schlaf verhaftet - Wagner entkam nach Weimar. Genau wie Röckel wurde Bakunin zum Tode verurteilt, begnadigt und sie saßen einige Jahre im Gefängnis in Österreich und Rußland. Bakunin wurde 1857 entlassen, um in Sibirien zu leben. 1861 floh er aus Rußland und kehrte nach Europa zurück, um seine politischen Aktivitäten wiederaufzunehmen.

[2] Absatz und "«" hinzugefügt von KE. In Wagners Original ist kein Absatz an dieser Stelle. Um klarzumachen, daß von hier bis [N4] ein Abschnitt des Textes ist, der von der Revolution "gesprochen" wird, wurden der Absatz und "«" hinzugefügt.

[3] vgl. "Alles, was ist, endet"; Erda im Rheingold. (Anmerkung von Ashton Ellis.)

[4] Absatz und "»" von KE hinzugefügt.


 


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